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Fragwürdige Erfolgsmeldungen


Pressemeldungen über Erfolge beim Kampf gegen illegale Waffen sind durchaus positiv und man kann die Strafverfolgungsbehörden zu jeder eingezogenen Waffe nur beglückwünschen. Doch seltsam wird eie Angelegenheit dann, wenn sich die vollmundig verkündeten Erfolge bei näherer Betrachtung als erlaubnisfreie Spielzeuge, Luftgewehre oder Schreckschusspistolen entpuppen.

Ein Beispiel für solche Inszenierungen hier im orginalen Wortlaut: 

 

 

Bildanlage zur Pressemitteilung: Spätestens die Dose Luftgewehr-Munition hätte zu Denken geben müssen

3.12.2009  11:50 Uhr

POL-HI: Abgestimmte Pressemitteilung der StA Hildesheim und Polizeiinspektion Hildesheim

Maschinenpistole sichergestellt

Hildesheim (ots) - (clk.) Die Hildesheimer Staatsanwaltschaft und die Polizeiinspektion Hildesheim ermitteln in einem Verfahren wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gegen einen 33-Jährigen Deutschen aus dem östlichen Landkreis, der wegen gleicher Delikte bekannt und rechtskräftig verurteilt ist. Das Amtsgericht hatte einen Durchsuchungsbeschluß erlassen, um die Wohnung und andere Räume, die dem Tatverdächtigen zur Verfügung stehen, zu durchsuchen. Der Mann konnte am 1.12.2009 in seiner Wohnung angetroffen werden. Neben diversem Beweismaterial fanden die Durchsuchungsbeamten fünf Waffen. Es handelt sich um zwei Langwaffen (Gewehre) und zwei Kurzwaffen (Pistolen) sowie um eine Maschinenpistole UZI. Die Waffen werden dem Landeskriminalamt Hannover zur Begutachtung übersandt. Die Maschinenpistole fällt unter die Vorschriften des Kriegswaffenkontrollgesetzes und durfte auf gar keinen Fall im Besitz des 33-Jährigen sein. Daher wurde gegen ihn ein weiteres Verfahren eingeleitet. Über die Herkunft der Waffen macht der Verdächtige keine Aussage. Nach Abschluß der polizeilichen Maßnahmen ist er wegen fehlender Haftgründe nach Hause entlassen worden.

 

Ein beträchtlicher Erfolg, der hier dem staunenden Publikum vorgeführt wird. Tatsächlich handelte es sich bei keiner der abgebildeten Waffen um „scharfe“ Schusswaffen, schon gar nicht um Maschinenpistolen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Auf dem Pressefoto der Polizei eindeutig zu sehen sind zwei Luftgewehre, ein Modell des Herstellers Diana und ein Daisy 880, eine Schreckschusspistole ME 800 General und eine weitere Luftpistole, Marke „Billigheimer“. Alle diese Waffen sind für Bürger ab 18 Jahre erlaubnisfrei. Pikant: Die angebliche UZI ist ein Modellbausatz des japanischen Herstellers Marushin, leicht erkennbar an der miserablen Oberflächenbehandlung mit der abgeplatzten Farbe. Bei einer Sicherheitsüberprüfung hätte dies den Polizeibeamten eigentlich auffallen müssen, denn solche Modellwaffen haben gar keine Läufe. Schlichte Inkompetenz der Ermittler oder vorsätzliche Täuschung für die Medien? Zumindest der dritte dokumentierte Fall nach diesem Muster, der sich in den vergangenen zwei Jahren bei der verantwortlichen Polizeidirektion ereignete. Auf Nachfrage verweigerte Herr Kubik jegliche Stellungnahme und verwies nunmehr an die Staatsanwaltschaft.

Gegenüber dem Weser-Kuriert streitet die zuständige Polizeidirektion Göttingen solche „Lapsi“ ab, drohte sogar damit, sich „rechtliche Schritte“ vorzubehalten. Der Autor empfiehlt in diesem Zusammenhang den verantwortlichen Beamten einen scheinbar lange überfälligen rechtlichen Schritt: Das Ablegen einer Waffensachkundeprüfung nach § 7 WaffG. Da lernt man, Spielzeuge und echte Waffen auseinanderzuhalten.

Die Meldung von Polizei und StA Hildesheim ist nach wie vor online zu finden:  http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/57621/1523657/polizeiinspektion_hildesheim

Eine Korrektur hat bis zum 30.5.2010 nicht stattgefunden.

Lars Winkelsdorf, 30.5.2010


Harmloses Kleinkaliber? (Teil I)


In der waffenrechtspolitischen Diskussion verlangen zahlreiche Interessenverbände, Parteien und Medien ein Verbot großkalibriger Waffen in Privatbesitz. Dabei wird regelmäßig auf die scheinbar harmloseren Kleinkaliberwaffen verwiesen, wie sie auch bei olympischen Sportdisziplinen Verwendung finden. Doch so verständlich dieser Wunsch eines Verbots ist, der Denkfehler liegt in der Unterstellung, kleinkalibrige Waffen seien ungefährlicher. Dabei besitzen auch Sie das Potential, tödliche Verletzungen beizubringen und sind damit als denkbare Tatmittel für Amokläufe keinesfalls ungeeigneter als großkalibrige Schusswaffen.

Die als "Kleinkaliber" bezeichnete Patrone .22 l.r. ist in der waffenrechtspolitischen Diskussion häufig fehlerhaft beschrieben worden, so als schössen unsere Biathleten oder Olympiaschützen nur mit besseren Luftgewehren. Dabei wurde diese Patrone tatsächlich schon seit Jahrzehnten weltweit bei politischen Attentaten, Auftragsmorden und alltäglichen Straftaten eingesetzt, nicht selten mit tödlichen Ergebnissen. Beispielsweise verwendete der israelische Geheimdienst Mossad bei der Jagd auf die Attentäter der Olympischen Spiele von 1972 eine schallgedämpfte Kleinkaliberpistole vom Typ Beretta 71 (siehe Abbildung links). Die gleiche Pistole war es auch, die Marianne Bachmeier benutzte, um 1981 im Landgericht Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter in Selbstjustiz zu erschießen.

Die Patrone .22 l.r., auch bekannt als .22 lfB ("lang, für Büchse"), hat einen Geschossdurchmesser von nominal 5,6 mm. ".22" beschreibt dabei nicht 22 mm sondern den Durchmesser im anglo-amerikanischen Maß inch (auch Zoll, Umrechnungsfaktor 2,54). Umgangssprachlich hat sich für diese Patrone im deutschen Sprachraum die Bezeichnung "Kleinkaliber" oder "KK" durchgesetzt. Bereits 1887 auf dem Markt eingeführt, hat sich diese Patrone heute international für den Schießsport, für jagdliche und behördliche Zwecke sowie die Freizeit durchgesetzt - letzteres vor allem dort, wo dies waffenrechtlich zulässig ist, etwa als Schutz vor Klapperschlangen.

Bei einem Geschossgewicht von durchschnittlich 2 Gramm erreicht das Geschoss Geschwindigkeiten von bis über 500 m/s. Moderne Laborierungen liefern dabei Energiewerte von mehr als 200 Joule. Bei entsprechendem Abgangswinkel fliegt ein Geschoss des Kalibers .22 l.r. etwa 1500 Meter weit. Und damit weiter als reinrassige Großkaliber-Projektile im Kaliber .32 S&W long (1200 Meter) oder ebenso weit wie die Patrone .38 Special, eine weltweit beliebte Patrone bei Polizeibehörden.

Schon hier sieht man: Von harmlos kann bei Kleinkaliber sicherlich keine Rede sein. Doch um die von der Patrone .22 l.r. ausgehenden Gefahren realitisch einschätzen zu können, reichen theoretische Werte nicht aus. Deswegen soll ein praktischer Versuch dem Laien zeigen, welche Wirkungen diese häufig unterschätzte Patrone verursachen kann.

Bei einem Beschusstest erreichten die Geschosse im Kaliber .22 l.r. Geschwindigkeiten von durchschnittlich 293 m/s. Für das Geschossgewicht von 2,6 Gramm ergab sich hier rechnerisch eine Energie von 109 Joule. Deutlich oberhalb der von Rechtsmedizinern definierten Grenze von etwa 80 Joule für potentiell lebensbedrohliche Verletzungen. Auf dem Bild rechts deutlich zu erkennen ist das im Zielmedium hinterlassene Einschussloch; keinesfalls ein harmloser Anblick.

Das Ergebnis des Versuchs zeigte sich bei der Eindringtiefe des Geschosses in ballistischem Ton: Erst nach etwa 230 mm blieb das Geschoss stecken. Ein Durchschlagen von vorgelagerten Zielmedien, wie etwa dicke Oberbekleidung, und ein anschließendes Eindringen tief in einen Menschen hinein ist bei der Verwendung von kleinkalibrigen Schusswaffen also überaus wahrscheinlich. Der Glaube, nur Großkaliberpatronen verfügten über ein solches Potential, ist folglich eine reine Illusion. Hier ist wohl eher der Wunsch Vater des Gedanken, dass es so etwas wie "harmlosere" Schusswaffen geben könnte.

Tatsächlich wurden Kleinkaliberpistolen in der Vergangenheit bereits mehrfach bei Amokläufen von den Tätern verwendet. Am 16.4.2007 erschoss in Blacksburg/ USA der südkoreanische Student Cho S. an der "Virginia Tech" 32 Personen und verletzte weitere 29 Menschen zum Teil schwer. Tatwaffe waren eine Glock 19 im Kaliber 9mm Luger und eine Walther P22 im Kaliber .22 l.r. Auch beim Amoklauf im finnischen Kauhajoki am 23.9.2008 benutzte der Täter, ein 22jähriger Schüler, eine Walther P22 im Kaliber .22 l.r. Er tötete mit seiner Kleinkaliberpistole insgesamt zehn Mitschüler der Palvelualojen-Oppilaitos-Berufsschule. Und selbst in Deutschland war bereits eine Kleinkaliberpistole Tatwaffe bei einem Amoklauf: Am 20.11.2006 im nordrhein-westfälischen Emsdetten. Nur dem schnellen Eingreifen der Polizei ist es zu verdanken, dass es bei dieser Tat keine Toten gegeben hat. Fünf Menschen wurden durch Schüsse verletzt, bevor sich der Täter selbst richtete.

Besonders gefährlich sind bei Kleinkalibergeschossen die entstehenden Verletzungsbilder. Die weichen Bleigeschosse verformen sich beim Eindringen in einen Körper weitaus eher als die Vollmantelgeschosse großkalibriger Militärpistolen, die schließlich für einen "glatten" und verletzungsarmen Durchschlag entwickelt wurden. Die Kleinkaliberprojektile platzen regelrecht auseinander, bilden Fahnen oder kleine Splitter, die sich in der Wundhöhle verteilen und grausame Verletzungsbilder verursachen können. Für einen Chirurgen ist es deutlich einfacher, ein Loch zu schließen als kleine oder kleinste Splitter zu orten und anschließend aus einer Wunde herausoperieren zu müssen. Zusätzlich können diese Partikel Blutvergiftungen verursachen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer elend an den Verletzungen zugrunde geht, ist weitaus höher als bei Großkaliberpistolen - so widersinnig dieser Gedanke dem Laien auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Nicht umsonst sind Kleinkaliberwaffen daher bei Geheimdiensten, Berufsmördern und Attentätern so beliebt: Als Francis Gary Powers am 1.5.1960 mit seinem U2-Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, trug er eine schallgedämpfte Kleinkaliberpistole bei sich. Und auch die Schüsse, die Robert "Bobby" Kennedy töteten, waren vom Kaliber .22 l.r.

Weitaus wichtiger also als Forderungen nach einem Verbot des scheinbar "gefährlicheren" Großkaliber und eine Reduzierung ausschließlich auf das angeblich weniger gefährliche Kleinkaliber wäre es also, waffenrechtspolitisch den nötigen Sachverstand in die Diskussion einfließen zu lassen und ganzheitliche Lösungen zu erarbeiten. Denn nur diese können das Bedürfnis unserer Gesellschaft nach mehr Sicherheit tatsächlich erfüllen. Das wäre dann weitaus besser als durch eine Kleinkaliberpistole getötete Kinder bei einen neuerlichen Amoklauf.

 

Lars Winkelsdorf, 26.5.2010

In Teil II der Reihe folgen Beschussversuche im Kaliber .22 l.r. mit Türen.